Wozu Gesellschaftswissenschaft?


Über die Nützlichkeitslücke gesellschaftlicher Erkenntnis

Die Menschheit verfügt über einen gewaltigen Bestand gesellschaftswissenschaftlichen Wissens. Seit Jahrhunderten untersuchen wir Wirtschaft, Gesellschaft, Politik, Psychologie, Macht, Konflikte und Krieg. Wir kennen die Geschichte vergangener Katastrophen, analysieren ihre Ursachen und entwickeln immer feinere Theorien über menschliches Verhalten und gesellschaftliche Systeme.

Und trotzdem führen Menschen Krieg.

Gemessen an einem Paradigma des Friedens stellt sich deshalb eine unbequeme Frage: Wie nützlich ist eine Gesellschaftswissenschaft, die die größte gesellschaftliche Barbarei des Menschen bis heute nicht zuverlässig verhindern kann?

Das bedeutet nicht, dass Gesellschaftswissenschaft nutzlos wäre. Ihr Erkenntnisgewinn ist gewaltig. Die Frage zielt auf etwas anderes: auf eine Nützlichkeitslücke gesellschaftlicher Erkenntnis. Wir wissen sehr viel über den Menschen – und sind dennoch erstaunlich schlecht darin, dieses Wissen zu gesellschaftlichen Konstruktionen zusammenzufügen, die existenzielle Fehlentwicklungen verhindern.

Vielleicht liegt das Problem deshalb nicht allein darin, dass wir noch zu wenig wissen. Vielleicht liegt ein Teil des Problems im erkennenden Menschen selbst.

Der Mensch als Grenze seiner eigenen Wissenschaft

In den Gesellschaftswissenschaften untersucht der Mensch eine Wirklichkeit, deren Bestandteil er selbst ist. Er untersucht Eigentum, Geld, Macht, Moral, Freiheit, Gleichheit, Krieg und Frieden – und bringt dabei seine eigenen Erfahrungen, Interessen, Wertvorstellungen und Überzeugungen mit. Der Beobachter steht nicht außerhalb seines Untersuchungsgegenstandes. Er ist ein Teil davon.

Freud erschütterte die Vorstellung vom Menschen als souveränem Herrscher über sein eigenes Denken. Sein berühmtes Bild, das Ich sei nicht Herr im eigenen Hause, brachte eine grundlegende Einsicht zum Ausdruck: Bewusstes Denken ist nur ein Teil dessen, was menschliches Urteilen und Handeln bestimmt.

Viele konkrete Annahmen Freuds wurden später kritisiert oder weiterentwickelt. Seine grundlegende Kränkung des rationalen Selbstbildes wirkt jedoch fort. Die moderne Psychologie beschreibt mit kognitiver Dissonanz, motiviertem Denken, Bestätigungsfehlern oder identitätsbasierter Kognition zahlreiche Mechanismen, durch die unsere Wahrnehmung davon beeinflusst wird, was wir bereits glauben, wünschen oder für unser Selbstbild benötigen.

Damit tritt neben die klassische Frage nach den Grenzen unseres Wissens eine zweite: Was können wir nicht erkennen – und was können oder wollen wir nicht erkennen, obwohl das notwendige Wissen vorhanden wäre?

Hier beginnt das Erkenntnisinteresse der Paradoxologie.

Eine Erkenntnis kann fehlen, weil das erforderliche Wissen noch nicht vorhanden ist. Das ist das klassische wissenschaftliche Problem: Wir forschen, beobachten, messen und entwickeln bessere Theorien. Gesellschaftliche Erkenntnis kann aber auch scheitern, obwohl die notwendigen Informationen längst vorhanden sind.

Ein Zusammenhang kann für den Einzelnen richtig erscheinen und für die Gesamtheit falsch sein. Eine Handlung kann individuell erfolgreich sein und bei ihrer Verallgemeinerung genau diesen Erfolg unmöglich machen. Eine Regel kann auf einer Ebene sinnvoll und auf einer anderen aufgrund ihrer Folgen problematisch werden. Wolfgang Stützel hat insbesondere für die Ökonomie gezeigt, welche fundamentalen Fehler entstehen können, wenn unterschiedliche Betrachtungsebenen miteinander verwechselt werden.

Damit begegnen uns zwei grundsätzlich verschiedene Grenzen gesellschaftlicher Erkenntnis: Wir können einen Zusammenhang nicht sehen, weil unsere intuitive Betrachtungsweise seine Struktur verdeckt. Oder wir sehen ihn nicht, obwohl er prinzipiell erkennbar wäre, weil er unseren Überzeugungen, Interessen oder unserer Identität widerspricht.

Unsere Erkenntnisgrenze besteht nicht nur aus dem, was wir nicht erkennen können, sondern auch aus dem, was wir nicht erkennen wollen.

Die Paradoxologie versucht beide Formen des Unsichtbarwerdens zu untersuchen.

Von der Teilwahrheit zur Synthese

Wissenschaft muss die Wirklichkeit zerlegen. Nur dadurch wird ihre Komplexität überhaupt untersuchbar. Ökonomen betrachten andere Zusammenhänge als Psychologen, Historiker, Soziologen oder Politikwissenschaftler. Diese Spezialisierung ist eine große Stärke moderner Wissenschaft. Sie besitzt jedoch eine Kehrseite: Wir wissen immer mehr über die Teile, ohne zwangsläufig besser darin zu werden, sie wieder zu einem Ganzen zusammenzufügen.

Besonders problematisch wird dies, wenn unterschiedliche wissenschaftliche oder gesellschaftliche Perspektiven nicht mehr als mögliche Teilwahrheiten mit jeweiligen Gültigkeitsbereichen betrachtet werden, sondern als konkurrierende Wahrheiten. Markt oder Staat, Freiheit oder Gleichheit, Wachstum oder Begrenzung, individuelle oder kollektive Verantwortung werden dann zu Gegensätzen. Aus sachlichem Widerspruch wird leicht moralische Polarität: richtig oder falsch, gut oder böse, wir oder sie.

Hegels Satz „Das Wahre ist das Ganze“ erhält vor diesem Hintergrund eine besondere Bedeutung. Eine Teilwahrheit ist nicht deshalb falsch, weil sie unvollständig ist. Problematisch wird sie, wenn wir sie für das Ganze halten.

Die entscheidende Frage bei einem Widerspruch müsste deshalb häufiger lauten: Auf welcher Ebene, unter welchen Bedingungen und innerhalb welcher Grenzen ist eine Aussage wahr?

Eine Theorie kann etwas Wesentliches erkennen und trotzdem unvollständig sein. Eine andere kann dort ihre Stärke besitzen, wo die erste ihre Schwäche hat. Genau hier beginnt Synthese.

Die Idee der Synthese selbst ist selbstverständlich nicht neu. Neu gedacht werden kann jedoch ihr Umfang. Die hier vorgeschlagene „Synthese von Allem“ soll nicht nur unterschiedliche Wissenschaftsdisziplinen miteinander verbinden. Sie soll grundsätzlich unterschiedliche Theorien, Perspektiven und auch widersprechende gesellschaftliche Positionen auf ihre jeweiligen Erkenntnisanteile, Gültigkeitsbereiche, Stärken und Schwächen untersuchen.

Dabei erhebt sie ausdrücklich nicht den Anspruch, irgendwann die endgültige Wahrheit zu besitzen. Im Gegenteil:

„Synthese von Allem“ bedeutet nicht: Wir wissen alles. Sie bedeutet: Wir schließen grundsätzlich nichts von der Synthese aus.

Eine zunächst falsch erscheinende Theorie kann auf einer bestimmten Ebene etwas Richtiges beschreiben. Eine erfolgreiche Theorie kann außerhalb ihres Gültigkeitsbereiches falsch werden. Und jede neu entstandene Synthese bleibt selbst unvollkommen. Aus A und B entsteht C. Neue Erkenntnisse können anschließend zeigen, dass auch C nur ein Teil eines größeren Zusammenhangs ist. Die Synthese bleibt deshalb grundsätzlich unabgeschlossen.

Der paradoxologische Realismus verschärft diesen Gedanken noch: Zum Ganzen gehört auch das, was wir bislang nicht erkennen. Das Wahre ist das Ganze. Doch zum Ganzen gehört auch das, was wir noch nicht sehen.

Daraus folgt ein anderer Umgang mit wissenschaftlicher Unvollkommenheit. Nahezu jede Theorie besitzt ein Stärken- und Schwächenprofil. Das muss kein bloßer Mangel sein. Es kann die Voraussetzung von Synthese sein. Perfekte Teile bräuchten einander nicht. Erst weil unterschiedliche Ansätze unterschiedliche Stärken und Schwächen besitzen, kann die Stärke des einen eine Schwäche des anderen ergänzen.

In technischen Systemen erscheint uns dieses Denken selbstverständlich. Unterschiedliche Werkstoffe, Energiequellen oder Verfahren werden miteinander kombiniert, weil keines allein alle Anforderungen optimal erfüllt. Bei gesellschaftlichen Ideen suchen wir dagegen erstaunlich häufig noch immer nach der einen richtigen Theorie.

Vielleicht sollten wir stattdessen lernen, mit ihrer Unvollkommenheit zu arbeiten.

Die Akzeptanz des unperfekten Teils kann der Weg zu einem besseren Ganzen sein.

Das gilt allerdings auch für die eigene Position. Eine Erkenntnismethode, die nur die Fehler anderer findet, wäre selbst ein Beispiel des Problems, das sie untersuchen möchte. Der Spiegel muss deshalb zuerst vor dem eigenen Denken stehen.

Ein neues Werkzeug für ein altes Problem

An dieser Stelle entsteht mit künstlicher Intelligenz erstmals ein Werkzeug, das frühere Generationen von Wissenschaftlern nicht besaßen. Kein Mensch kann den vorhandenen Wissensbestand auch nur annähernd vollständig überblicken. Noch weniger kann ein Einzelner gleichzeitig Erkenntnisse aus Ökonomie, Psychologie, Geschichte, Soziologie, Philosophie und Naturwissenschaft gegeneinander prüfen. Hinzu kommen unsere eigenen emotionalen und identitären Grenzen.

Künstliche Intelligenz löst diese Probleme nicht. Auch sie kann irren und ist von ihren Daten, Modellen und Fragestellungen abhängig. Aber sie kann einen wesentlich größeren Erkenntnisraum gleichzeitig betrachten und immer wieder dieselben Fragen stellen: Auf welcher Ebene gilt eine Aussage? Wo endet ihr Gültigkeitsbereich? Was ist ihre Stärke? Was ist ihre Schwäche? Welche andere Erkenntnis könnte gerade diese Schwäche ergänzen?

KI wäre damit keine Wahrheitsmaschine. Sie könnte vielmehr zu einem Werkzeug systematischer Synthese werden.

Vielleicht liegt gerade darin eine ihrer größten Chancen für die Gesellschaftswissenschaft: nicht den menschlichen Verstand zu ersetzen, sondern uns dabei zu helfen, seine Grenzen zu erkennen und einen größeren Teil des Ganzen gleichzeitig betrachten zu können.

Die Nützlichkeitslücke

Damit kehren wir zur Ausgangsfrage zurück. Warum sind Menschen trotz eines gewaltigen Wissens über Gesellschaft, Geschichte und menschliches Verhalten bis heute nicht in der Lage, Krieg und andere existenzielle gesellschaftliche Fehlentwicklungen zuverlässig zu verhindern?

Vielleicht wissen wir tatsächlich noch zu wenig. Vielleicht liegt ein Teil des Problems aber auch darin, dass unsere Wissenschaften viele wertvolle Teilwahrheiten hervorgebracht haben, während uns ihre Zusammenführung immer wieder misslingt.

Dann wäre die Nützlichkeitslücke nicht allein ein Mangel an Wissen.

Sie wäre auch ein Mangel an Synthese.

Wir benötigten dann nicht zwangsläufig eine weitere große Theorie, welche die bisherigen Theorien widerlegt und ihren Platz einnimmt. Wir benötigten zusätzlich eine Wissenschaft, die untersucht, warum Menschen vorhandene Erkenntnisse nicht zu einem hinreichend vollständigen Bild zusammensetzen können.

Genau darin könnte eine Aufgabe der Paradoxologie liegen.

Sie fragt deshalb nicht nur: Was wissen wir noch nicht? Sondern ebenso: Was wissen wir eigentlich längst – können es aber aufgrund von Ebenenfehlern, Perspektivgrenzen, Emotionen oder Identitäten nicht gemeinsam denken?

Vielleicht sollten wir die Nützlichkeit von Gesellschaftswissenschaft deshalb auch nicht daran messen, ob sie uns irgendwann eine endgültige Theorie der Gesellschaft liefert. Vielleicht besteht ihre größte mögliche Leistung darin, Menschen dabei zu helfen, weniger katastrophale Fehler miteinander zu machen.

Dann lautet die entscheidende Frage:

Warum wissen wir inzwischen so viel über den Menschen – und wissen noch immer nicht genug, um zuverlässig Frieden miteinander zu halten?

Die Paradoxologie versteht diese Frage als Forschungsauftrag. Nicht mit dem Anspruch, die nächste endgültige Gesellschaftstheorie zu schaffen, sondern mit dem Versuch zu verstehen, warum wir uns mit unseren unperfekten Teilwahrheiten so häufig gegenseitig im Weg stehen.

Vielleicht lässt sich die Nützlichkeitslücke der Gesellschaftswissenschaften deshalb nicht durch eine weitere Lehre schließen, die alle vorherigen Lehren für falsch erklärt. Vielleicht beginnt ihre Schließung mit einer bescheideneren Einsicht:

Keine unserer Theorien ist das Ganze. Aber möglicherweise brauchen wir ihre unperfekten Teile, um ihm näherzukommen.

Die Paradoxologie soll untersuchen, warum uns diese Annäherung so schwerfällt. Die „Synthese von Allem“ wäre der Versuch, sie trotzdem zu wagen.

Und wenn daraus irgendwann gesellschaftliche Lösungen entstehen, die Menschen helfen, ihre Konflikte friedlicher zu lösen, hätte Gesellschaftswissenschaft einen Teil jener Nützlichkeitslücke geschlossen, um die es hier geht.

Vielleicht ist die Fähigkeit zur Synthese damit nicht nur eine wissenschaftliche Aufgabe. Vielleicht ist sie eine Voraussetzung des Friedens.

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